Max Emanuel,   kurfürstliche Jaghd von 1711

von Wolfram zu Mondfeld  (dieser Text wird mit seiner Erlaubnis hier zitiert)
 

 
1711 beschloß König Philipp V. von Spanien die Souveränität über die Spanischen Niederlande (das heutige Belgien) an Max Emanuel, Herzog in Bayern und Kurfürsten von der Pfalz, abzutreten.
Obschon die offizielle Ernennungsurkunde erst im Januar 1712 unterzeichnet wurde, und Max Emanuel sie erst im März in Händen hielt, führte er seit seinem Einzug in Namur am 6. Juni 1711 die volle Titulatur eines souveränen Landesherren samt allen Wappen und Rechten, was unter den spanischen Diplomaten und hohen Beamten einige Verärgerung hervorrief. Und eben dieser Verärgerung verdanken wir, neben einem Stich, eine höchst ausführliche Beschreibung jener Prunkjaghd, die Max Emanuel unmittelbar nach seinem Regierungsantritt zu bauen in Auftrag gab.
 
Der Graf von Ossuna berichtete an seinen König:
 

». . . Auch hat sich der Herzog allsogleich eine überaus prunkvolle Jaghd erbauen lassen, noch größer und reicher geschmückt als jenes Schiff, das er sich als Generalstatthalter (der Niederlande 1691/1706) hatte bauen lassen. Es mißt 89,5 Fuß (wohl Antwerpener Fuß zu 286,8 mm) in der Länge und 20 Fuß in der Breite. Das Galion ziert ein schön geschnitzter Löwe, und auch die anderen Figuren sind beste Schnitzarbeit. Zwischen den Fenstern die Pupphütte finden sich die Darstellungen verschiedenster Herrschertugenden wie Tapferkeit mit dem Schwert, Kunstsinn mit der Leier, Großzügigkeit mit dem Füllhorn, Gerechtigkeit mit der Waage, Ruhm mit der Fanfare und Treue mit den verschlungenen Ringen Auf der anderen Seite die Klugheit mit einem Buch, die Zielstrebigkeit mit dem Bogen, die Frömmigkeit mit dem Kreuz, die Sittlichkeit mit dem Schild, die Festigkeit mit dem Anker und die Liebe mit dem brennenden Herzen. Vor der Kajütentüre halten Stärke und Schönheit Wacht. An den Seiten sind Meerjungfrauen und Puttos zu sehen, die das Bild des Herzogs halten mit einem Lorbeerkranz darüber. Frau Fortuna auf der Kugel schmückt einmal mit Siegespalme, einmal mit Friedensölzweig das Heck, und zwischen ihnen schwebt ein Band mit dem warnenden PARCERE SUBIECTIS - SUPERBOS DEBELLARE (die Unterworfenen schonen, die Hochmütigen überwinden). Das Heck selbst zeigt in der Mitte das Wappen des Herzogs umgeben von der Ordenskette des Goldenen Vlieses, gekrönt mit dem Kurhut und darum angeordnet die Wappen der Niederlande, alles auf blauem Grund, der mit feinen Rankenornamenten belegt ist, und der sich auch an den Flanken des Schiffes entlangzieht.
Im Inneren sind Pupphütte und Salon wie Schlafkammer mit edlen Hölzern ausgezimmert und die Polster und Bettvorhänge aus blauem Samt gefertigt.
 
Und soweit wäre diese Jaghd durchaus würdig und angemessen für seine Fürstliche Gnaden.
 
... hat er jedoch in mehr als vorschnellem Griff auf seine noch nicht bestätigte Würde nicht nur über den Wappen des Heckspiegels, von zwei goldenen Löwen getragen, die Krone eines Souveräns anbringen lassen, besagte Krone erscheint wieder auf den beiden Seitenschwertern, die ebenfalls mit dem großen Staatswappen bemalt sind, und ebenso auf der großen Standarte, die er bei seiner Anwesenheit an Bord setzen läßt . . . «

 
Diese Beschreibung machte die Rekonstruktion der kurfürstlichen Jaghd überhaupt erst möglich, sowohl von der Inneneinrichtung her - die Bemerkung über die samtenen Bettvorhänge beispielsweise lassen auf ein Himmelbett in der Schlafkammer schließen, oder an anderer Stelle die Bemerkung, daß außer beim Essen (im Salon unter Deck) die Gäste des Kurfürsten in seiner Gegenwart stehen mußten, was außer seinem »Thron« in der Pupphütte weitere Sitzgelegenheiten ausschloß - wie auch bei der Rekonstruktion des Figurenschmuckes an der Frontseite und an Backbord der Hütte, die auf dem Stich nicht einzusehen sind, sowie schließlich auf die Farbgebung des Schiffes, wobei Max Emanuel das Glück hatte, das durch das 1704 von Diesbach in Berlin entdeckte Preußisch- oder Pariser Blau erstmals eine bezahlbare blaue Farbe für einen Schiffsanstrich zur Verfügung stand, denn Blau war nun einmal die Leibfarbe dieses Herren, der wegen der »bayrisch«-blauen Uniformröcke seiner Soldaten längst im Volksmund der »blaue Kurfürst« genannt wurde.
Nun war die Max Emanuel - die Quellen sind in Bezug auf den Schiffsnamen zwar nicht ganz eindeutig, vieles läßt aber darauf schließen, daß sie den gleichen Namen wie ihr Herr - trug nicht nur eine kostspielige Laune Seiner Fürstlichen Gnaden, obschon der Kurfürst zweifelsfrei ein sehr inniges Verhältnis zu Prunk und Prachtentfaltung pflegte.
In erster und wichtigster Linie war die Max Emanuel ein Propagandainstrument, das seinem neuen Staatsvolk nicht nur die erlesenen Tugenden (Figuren der Pupphütte und Spruchband), das Glück, das übrigens manchmal durchaus zu wünschen übrig ließ (Fortuna), und die Person des Souveräns selbst (Portrait-Medaillons) vor Augen führen sollte, zumal die immer wiederkehrende Kombination der bekannten und vertrauten Regionalwappen mit dem bayrisch-pfälzischen Wappen des Kurfürsten, gekrönt von der Krone des Souveräns, sollte den Menschen die neuen Machtverhältnisse in Augen und Gehirne hämmern.
Einen besonderen Blick sollten wir noch auf die Flaggenführung werfen: Das Barock vom 16. bis frühen 18. Jahrhundert legte, wie keine Zeit vor- oder nachher, geradezu extremen Wert auf die sichtbare Kennzeichnung von Rang- und Standesunterschieden. Die Beflaggung richtete sich jeweils nach der höchstrangigen Person an Bord, und da machte es schon einen Unterschied - in Begriffen des frühen 18. Jahrhunderts sogar einen ganz gewaltigen Unterschied - ob der Herzog höchstpersönlich oder »nur« die Herzogin an Bord war, ob er Ritter des »goldenen Vlieses«, des vornehmsten Ritterordens in Europa, war und deshalb auch die Flaggen des Ordens setzen durfte, ob das Schiff auf »Dienstfahrt«, d.h. ohne hochgestellte Persönlichkeiten an Bord, unterwegs war, oder ob im Hafen der Kapitän an Bord war oder nicht - in letzterem Fall durfte keine Heckflagge gesetzt werden. Auf der Plantafel ... habe ich die wichtigsten Flaggen und Flaggenzusammenstellungen gezeichnet, freilich nicht jene Fälle - es hätte dies ganz entschieden den Rahmen des Plansatzes gesprengt - in denen sich andere, hochrangige Personen an Bord befanden. Hätte Max Emanuel z.B. dem Grafen Ossuna seine Jaghd ausgeliehen, so hätte der Graf das Recht gehabt, seine eigene Wappenflagge an der Gaffel und am Heck aufzuziehen, wären Seine Fürstliche Gnaden und z.B. der Botschafter Frankreichs, Marquis de XY gleichzeitig an Bord gewesen, so hätten an Heck, Topp und Bugspriet die Flaggen des Herzogs geweht, an der Gaffel jedoch hätte der Botschafter seine Farben aufziehen dürfen usw. usw.
 
Werfen wir noch einen Blick auf die Besatzung:
Laut Graf Ossuna war das Schiff eingerichtet für, selbstverständlich, den Kurfürsten sowie vier weitere Gäste, wobei die Frage offen bleibt, wo drei dieser Gäste im Zweifelsfall nachts untergebracht wurden, denn in dem Himmelbett der »Schlafkammer« fand nur der Fürst nebst einem (zweifellos weiblichen) Gast Platz, und selbst für den Fall, daß man das Bett des Kapitäns achtern requirierte, fehlten noch für zwei Gäste brauchbare Schlafstätten.
Wo die bis zu 26köpfige Mannschaft schlief, ist hingegen einfach zu beantworten, sie rollte, sofern sie nicht ohnehin Dienst hatte, auf See ihre Matratzen (gestaut unter dem Niedergang zwischen Kapitänskajüte und Schlafkammer) bei schönem Wetter an Deck, bei schlechtem Wetter in der Pupphütte und der Smutje in der Kombüse auf, im Hafen schlief man zuhause, und nur der Kapitän wohnte mehr oder minder ständig in seiner Kajüte achtern auf dem Schiff.
 
Die Besatzung setzte sich zusammen aus:
1 Kapitän
1 Steuermann (Lotse)
1 Koch
1 Kochgehilfe
2 Stewards
2 Pagen
1 Geschützmeister
1 Bootsmann
1 Bordgeistlicher
5 Matrosen
1 Hauptmann
1 Fähnrich
4 Soldaten
4 Spielleute (Trommler, Pfeifer, Fanfarenbläser)
26 Mann in summa
 

Davon können freilich nur Kapitän, Steuermann, Koch und Gehilfe, Stewards, Geschützmeister, Bootsmann und die Matrosen als »Stammbesatzung« angesprochen werden. Alle anderen kamen wohl nur im Gefolge des Kurfürsten bzw. einer anderen, entsprechend hochrangigen, Person an Bord.